Ein Zukunftsthriller zwischen Kartellen und Drogenkriegen von Dirk Sommerfeld
Textausschnitt
[Seite 236 …] West Texas, Sonnenaufgang
Ein Morgen wie jeder andere. Und doch: der Anfang von etwas Neuem.
Die Sonne war kaum über den flachen Horizont gestiegen, als Sam mit
nacktem Oberkörper aus dem Ranchhaus trat. Der Schreck über den
Puma saß noch tief, aber er sagte nichts. Stattdessen stand er barfuß im
feinen Staub, blinzelte in das orangefarbene Licht und kaute auf einem
Zahnstocher. Nova saß auf der Treppe. Rote Haare, blasses Gesicht. In
der Hand eine dampfende Tasse Kaffee, in der anderen eine Glock 22.
Kein Wort, kein Blick. Nur das ferne Knacken von Dürreholz im Wind.
„War der letzte Nacht allein?“, fragte Sam nach einer Weile.
„Der Puma?“ Nova sah ihn nicht an. „Ja. Aber hungrig.“
Eine Staubfahne kündigte von weitem bereits Besuch an. Kurze Zeit
später stieg Sheriff Holloway aus dem alten Chevy, zog die Sonnenbrille
zurecht und schnaubte. „Verdammtes Viehzeug. Ich hab letzte Woche
schon ’nen Schwarzbären am Highway gemeldet bekommen. Kommen
immer näher. Als wüssten sie, dass da draußen was nicht mehr stimmt.“
„Vielleicht tun sie das ja“, sagte Nova ruhig.
„Könnte auch sein, dass die Drohnen im Süden das Wild verscheuchen“,
murmelte Sam. „Oder irgendwas ist mit dem Boden. Mit dem Wasser.“
Der Sheriff zuckte die Schultern. „Hab keine Zeit für Öko-Theorien,
Leute. Ich hab ’nen Call für euch.“
15 Minuten später – Highway 190, westlich von Big Lake
Zwei gepanzerte SUVs parkten quer vor einem windschiefen Holzhaus.
Dahinter die weite Ebene, nichts als Sand, Sträucher und ein alter
Windradmast, der sich nicht mehr drehte. Fünf Männer in schwarzer Ausrüstung standen im Halbkreis. Sturmhauben. Kevlar. Die Aufschrift
„RECLAMATION UNIT – TEXAS FINANCE HOLDING“ leuchtete in
weißem Blockdruck auf ihren Westen.
„Privatsheriffs“, knurrte Sam. „Ich hasse diesen Dreck.“
„Repossession Agents“, sagte Nova knapp. „Bankeigentum. Aber mit
mehr Waffen als Verstand.“
Sam stoppte den Wagen. Die Hitze flirrte, als sie ausstiegen. Nova trug
ihre Ranger-Uniform, die langen Haare gebunden, Colt am Bein, Win
chester am Rücken. Sam ebenfalls – kugelsichere Weste über dem Hemd,
ein dunkler Schatten in der Sonne.
Aus dem Haus ragte ein Schatten.
Ein Mann. Groß. Breit. Barfuß. Jeans. Offenes Hemd. Lange schwarze
Haare. Eine einzelne Adlerfeder im Nacken, mit Lederband geflochten.
Seine Brust war bemalt. Nicht wie aus einem Museum. Sondern klar,
geometrisch, modern – rot und weiß über muskulöser, wettergegerbter
Haut. Hinter ihm eine Frau, stark, aber erschöpft. Und ein Junge,
vielleicht zwölf, mit einem selbst gebauten Bogen in der Hand, die
Augen wie brennender Stein.
„Zurück auf den Hof!“, brüllte einer der Repos. „Letzte Warnung!“
„Er ist auf seinem Grundstück“, sagte Sam ruhig. „Ihr nicht.“
„Er ist 180 Tage überfällig. Vertrag ist rechtsgültig. Wir holen ihn da
raus.“
„Nicht auf meinem Dienstgebiet“, erwiderte Sam, trat einen Schritt vor,
die Hand am Gürtel.
Einer der Agents hob seine Waffe leicht. Fehler.
„Tuwéh… shiká’n nàtʼeʼ…“ Die Worte kamen ruhig, weich – fast
flüsternd. Nova trat vor. Die Männer starrten.
Der Indianer reagierte sofort. Seine Haltung veränderte sich. Die
Muskeln spannten sich nicht mehr. Die Frau hinter ihm schluckte. Der
Junge senkte den Bogen langsam.
„Was hast du gesagt?“, fragte Sam leise.
Nova drehte sich nicht um. „Ich habe gesagt: ‚Du bist nicht allein. In
seiner Sprache.“
„Welche ist es? “
„Diné. Dine Bizaad. Spricht kaum noch jemand.“ […]